Ein Tag im Leben eines Indigogirls




Indigo, oder auch „highly-sensitive“ wie es die neuen Medien nennen, das sind hoch sensible Menschen. So eine Person wird oft von Emotionen und äußeren Eindrücken überflutet und durchlebt in kurzer Zeit ein grandioses Stimmungsspektrum.


Das ich ein Indigo bin, merkte ich schon als Kind. Damals hieß es aber noch nicht Indigo, sondern wie meine Mutter es gerne nannte: „der sterbende Schwan“. Auf Außenstehende konnten meine Stimmungsschwankungen und Gefühlsausbrüche schon sehr dramatisch wirken. Als junger Mensch glaubte ich, dass doch alle so stark empfinden müssten wie ich, und fragte mich oft wie sie Vieles scheinbar besser aushielten als ich. 

Mittlerweile weiß ich, dass jeder Mensch anders empfindet und die allermeisten nicht halb so intensiv in ihre Gefühlswelt eintauchen können wie ich oder andere Indigos. 


Hoch sensibel zu sein hat in unserer heutigen Ellbogen-Gesellschaft meist keine Vorteile, eher im Gegenteil. Als meine Mutter uns an Heilig Abend verließ um mit dem Mann ihrer Schwester durch zu brennen, und ein paar Monate danach zurück kam um meine beiden jüngsten Geschwister zu sich zu holen, war das gerade so das Äußerste was meine kleine Seele verkraften konnte. Instinktiv habe ich wohl damals mit knapp 9 Jahren gespürt, dass meine Geschwister dort nicht sicher sein würden und verließ meinem Gefühl und Verantwortungsbewusstsein folgend, das sichere Umfeld meines Vaters und folgte meiner Mutter und zwei von drei Geschwistern ins Verderben. 
Die Jahre die darauf folgten waren schlussendlich der Grund, warum ich für eine lange Zeit jegliche Emotionen unterdrückte und unfähig wurde etwas zu empfinden. Alkoholmissbrauch des Onkels, ständige Gewalt, der Verrat der eigenen Mutter, offensichtliche und unterschwellige Lebensbedrohung und dabei das Verbot je darüber mit irgendjemandem zu reden. Ich wurde emotional taub. Ich denke dass hat mich in diesem Moment gerettet. Doch es hat mich auch um einen großen Teil meiner Persönlichkeit beraubt. 

Jetzt, beinahe 20 Jahre später, finde ich mich immer öfter in der reichen Gefühlswelt wieder, die als Kind so selbstverständlich für mich war. Und immer öfter kommen jetzt auch große Wellen der Freude und der Dankbarkeit über mich, aber leider auch sehr oft Trauer, Wut und Enttäuschung.  Die Emotionen sie kommen und gehen über mich hinweg und sie sind oft viel zu gewaltig für mein kleines Herz, dass ich so lange Zeit sicher vor allem eingesperrt hatte. 

Als Indigo komme ich mir manchmal vor wie in einem Lawinengebiet.


Heute morgen zum Beispiel, erreichte mich eine Email einer mir eigentlich fremden Person, die mir ohne mich näher zu kennen Trost spendete und mir anbot zu helfen indem sie mir eine Prepaid Karte schenken wollte. Diese Geste der Hilfsbereitschaft rührte mich so sehr das ich ein bisschen weinen musste. Ich war erfüllt von Hoffnung und Dankbarkeit. 

Am Mittag des selben Tages hatte ich eine unschöne Auseinandersetzung auf dem Amt und obwohl ich freundlich blieb, wurde ich innerlich so wütend dass ich mich körperlich ganz verkrampfte. Und wieder fühlte sich die Welt und das Leben sinnlos an. Schlimmer wurde es, als ich erfuhr das eine Bekannte meinen größten Traum lebte. Sie brach ihr Studium ab und ging spontan nach Neuseeland. Ich empfinde relativ selten so starken Neid, und ich kann nichts dagegen tun, aber ich hasse die Person dann temporär einfach ein bisschen und mich selbst auch weil ich ja eigentlich weiß, dass ich mich freuen sollte und es ihr gönnen müsste. Aber drauf geschissen! Wie Nietzsche bereits erkannt hat, zeigt uns Neid, und vor allem starker Neid, eigentlich nur was wir wirklich im Leben wollen. 

Ein paar Stunden darauf rief mich mein Cousin an und erzählte mir er habe vielleicht eine Wohnung für mich. Auch er ist ein Indigokind und wir beide haben eine besondere Connection zueinander. Sich Jemandem so verbunden fühlen und zu erkennen, dass man nicht ganz alleine so ist, wie man eben ist, dass ist eine der schönsten Erfahrungen die man als hochsensibler Mensch machen darf. 

Manchmal gehe ich spazieren und bleibe ehrfürchtig und dankbar stehen wenn ich eine perfekte Anordnung von Ästen und Blättern sehe, oder das Tanzen der Wellen oder den laufenden Schatten der Wolken auf den Bergen, der Nebel der aus dem Tal emporsteigt oder Menschen die nett zueinander sind. Ich schaue beim laufen in den Himmel und dann stellt sich oft eine beruhigende Gewissheit ein, nämlich die, dass wir alle mit allem verbunden sind  und all meine Probleme temporär und unbedeutend. Was für ein großes Glück ich doch in diesem Augenblick habe, dass ich atmen und laufen und in die Wolken schauen kann.

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